Die bewegte Vergangenheit des Garten

Projektidee
Die Idee zu einem Garten nach mittelalterlichen Vorbildern entstand bereits im Jahr 2002 in Zusammenarbeit mit dem Heimatverein, der Gemeindeverwaltung und des Klostermuseums Jerichow. Die recht vernachlässigte Grünanlage innerhalb der Klostermauer besaß keinen Bezug mehr zur Geschichte des Klosters und seiner historischen Bausubstanz. Ein Kräutergarten sollte den Bogen zur Geschichte wieder spannen und die Attraktivität des Ortes erhöhen.
Im Frühjahr 2002 begannen wir, Ivette Grafe und Marion Rose, Studentinnen der Landschaftsarchitektur der Technischen Universität Berlin, uns für das Projekt zu interessieren. Nach Gesprächen mit der Klosterverwaltung und der gemeinsamen Besichtigung des Objektes war man sich über eine Zusammenarbeit einig. Somit hatte das Projekt eine wissenschaftliche Betreuung.
Während sich die Gemeinde und der Heimatverein um die Beantragung einer Strukturanpassungsmaßnahme kümmerten, begann man an der TU Berlin, Bücher über mittelalterliche Gartenkunst zu studieren.

Die Anlage
Die für das Projekt ausgewählte Fläche musste bestimmten Kriterien entsprechen. Wichtig dabei waren vor allem der Zugang zur Strom- und Wasserversorgung, das Vorhandensein von Arbeits- und Aufenthaltsräumen, eine geschützte, klimatisch günstige Lage der Anpflanzungen und die Einbindung in die Gesamtanlage. Diesen Ansprüchen entsprach die Fläche um das Pumpenhaus im nordwestlichen Teil des Klostergartens.
Der Anbau am Pumpenhaus sollte zum Arbeits- und Aufenthaltsraum umfunktioniert werden. Die Gebäude waren in einem vernachlässigten Zustand und sowohl innen wie auch von außen reparaturbedürftig. Die Grünfläche enthielt große Mengen Schutt und Abfall im Boden und war mit Rasen überwuchert.

Das Gestaltungskonzept des neuen Nutzgartens
Der nordöstliche Teil des Klostergartens war bisher einer der unattraktiven Bereiche innerhalb der Klostermauer. Hier endet die historische Einfriedung, die zum Teil einsturzgefährdet ist, an den sich anschließenden Privatgrundstücken. Diese sind durch neuzeitliche Bauweise geprägt, welche im Gegensatz zum historischen Umfeld steht. Ziel war es, diesem Gelände einen stärkeren Bezug zum Kloster und seiner Anlage zu geben. Dabei mussten die Zufahrten berücksichtigt, und durfte die Wohnqualität der Anwohner nicht beeinträchtigt werden.
Die sonnenexponierte Lage, das Vorhandensein von technischen Anschlüssen, wie Wasser und Strom, die räumliche Nutzbarmachung des Pumpenhauses und die Größe der Fläche boten die Vorraussetzung für einen Nutzgarten in Anlehnung an die mittelalterlichen Vorbilder. Zusätzlich sollten Möglichkeiten zur Durchführung von Anschauungsunterricht und Projekttagen geschaffen werden.
Der Nutzgarten des Kloster Jerichow hebt sich von anderen seiner Art durch die Eingliederung in das Konzept der Gesamtanlage, die konsequente Verwendung von Pflanzen, die vor 1500 durch Quellen nachzuweisen sind und Verarbeitung ortstypischer Materialien (wie Weide, Backstein, etc.) in traditioneller Handwerkskunst ab. Gleich dem Gesamtkonzept werden diese Elemente aus den Überlieferungen der karolingischen Epoche in einen unserer Zeit und den örtlichen Bedingungen angepassten Zusammenhang gestellt. Dadurch entsteht ein Spannungsmoment, das für den Besucher den Garten als etwas Besonderes erlebbar macht. So sind z.B. die Hochbeete in Form, Maß und Verarbeitungstechnik nach historischen Vorbildern angefertigt, in ihrer Lage zueinander aber aus dem traditionellen rechten Winkel verschoben. Gleiches gilt für die Flachbeete und wurde als Prinzip auch bei der Pflanzenzusammenstellung angewanndt. Es wird vermieden, den Eindruck von Authentizität zu erwecken, da eine Rekonstruktion im eigentlichen Sinne nicht durchführbar ist. Der Garten wird als Assoziation und nicht als Kopie eines mittelalterlichen Gartens erfasst.

Der Nutzgarten wird in drei Teilbereiche untergliedert, die sich durch Anbauart und Pflanzennutzung unterscheiden:

  • Gemüse- und Würzgarten
    Er enthält die pflegeintensiven und anspruchsvollen Gemüsearten, sowie die empfindlichen Würzpflanzen. Diese werden auf Hochbeeten angebaut, welche durch ihre gute Nährstoffversorgung und die erhöhte Bodentemperatur optimale Bedingungen für sie bieten. Die Hochbeeteinfassung wird aus Weidenflechtwerk erstellt. Die Höhe von 80 cm ermöglicht nicht nur eine angenehme Arbeitshöhe, sondern auch eine ungewöhnliche Perspektive auf die Pflanzen.

  • Feldfruchtgarten
    Die langen Reihen der Flachbeete hinter dem Pumpenhaus stellen eine Assoziation zur mittelalterlichen Feldwirtschaft dar. Auf ihnen werden größere Mengen anspruchsloseren Kräutern für die spätere Verarbeitung zu klostereigenen Produkten angebaut. Weiterhin werden in Vergessenheit geratende Getreidearten, wie Emmer, Einkorn, usw., veranschaulicht.

  • Färbergarten
    Eine Auswahl an alten Färbepflanzen wird im hinteren Bereich des Nutzgartens ausgestellt. Gleich dem Feldfruchtgarten sind hier Flachbeete angelegt. Diese besitzen, angepasst an die abnehmende Gartenbreite, eine geringere Länge. Artenvielfalt, wie im Gemüse- und Würzgarten, nicht Quantität steht im Vordergrund.

Beetausrichtung und -anordnung
Hoch- und Flachbeete laufen in ihrer Längsausrichtung aufeinander zu. Die Hochbeete nehmen in ihren Querverbindungen die Ausrichtung der Flachbeete wieder auf. Sie sind so versetzt, dass sie eine optische Bezugslinie zur Umgrenzung und damit zum Wegesystem bilden. Damit werden sie in die Gesamtanlage integriert.
Die 21 Beete sind in fünf Reihen unterteilt. Die erste und die letzte Reihe wird von jeweils 3, die mittleren von 5 Beeten gebildet. Innerhalb des Gemüse- und Würzgartens wird die Mitte betont. Die entsprechende Beetreihe enthält die höchsten Pflanzen, die drei an Kletterhilfen rankenden Arten (Flaschenkürbis, Erbse und Bohne). Im Inneren der Anlage wird durch die Kletterhilfen eine maximale Höhe von 2,80 m erreicht. Das Blickfeld des Betrachters wird somit unterbrochen und das Gefühl „von Pflanzen umgeben sein” vermittelt.

Bodenbeläge
Im Bereich der Hochbeete wird Holzschredder in einer 10-15 cm dicken Schicht ausgebracht. Holzschredder bietet viele Vorteile: er nimmt Feuchtigkeit auf und gibt sie langsam wieder ab, bildet eine Drainschicht, verhindert das Aufkommen von Wildkräutern, nimmt den Druck durch Trittbelastung auf, verhindert die Bodenverdichtung und bietet ein angenehmes Laufgefühl.
Gemüse- und Würz-, Feldfrucht- und Färbergarten werden durch die Verwendung von Rasen als einheitlichen Bodenbelag als Ganzes wahrgenommen. Gleichzeitig bindet sich der Nutzgarten in das Gesamtkonzept ein, da das Einzelelement RASEN wieder aufgenommen wird.
Um die größere Trittbelastung im Eingangsbereich des Pumpenhauses abzufangen und damit Schäden durch Verdichtung des lehmhaltigen Bodens, besonders bei feuchter Witterung, vorzubeugen, wird eine mit Backstein befestigte Fläche vor dem Haus angelegt. Diese bietet Arbeitraum im Freien, Aufenthaltsmöglichkeit und Ausstellungsfläche.

Pumpenhaus
Das sich auf dem Gelände des Nutzgartens befindende Pumpenhaus, welches zwischen 1871 und 1920 gebaut wurde, steht in keinem historischen Zusammenhang zum Kloster. Lage und Bauweise heben sich deutlich von der Anlage ab. Es bietet aber Arbeitsraum, Wasser- und Stromanschlüsse und Materiallagerplatz. Die Beete umschließen dieses Gebäude, aber durch ihre Ausrichtung auf das Wegesystem und die Klostermauer wird das Pumpenhaus weiterhin als Fremdkörper wahrgenommen.

Einfriedung
Historische Nutzgärten sind durch eine Abgrenzung nach Außen mittels Mauern, Zäune oder Hecken gekennzeichnet. Dieses Merkmal wird auch in der neuen Anlage aufgegriffen. Es übernimmt die schützende Funktion der hier abgebrochenen Klostermauer. Die an der Westseite des Nutzgartens vorhandene geschnittene Ligusterhecke wird erhalten. Sie wird so erweitert, dass sie den Teil des Gemüse- und Würzgartens umgibt. Im hausnahem Bereich schließt die Hecke mit einem Tor ab. Ein weiteres befindet sich am Übergang zwischen Feldfrucht- und Färbergarten. Dadurch kann der Besucher den Klostergartenrundweg wieder betreten, nachdem er den gesamten Nutzgarten besichtigt hat. Die Hecke wird in Form eines Holzzaunes weitergeführt.